Mit Sex zur Revolution

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Alyaa Gad spricht über Penisgrösse, den ersten Sex, gewaltfreie Erziehung und gesunde Ernährung. Über 300 Kurzfilme hat sie schon gedreht; sie wurden auf Youtube millionenfach angeklickt. Ihre Fans nennen sie eine Prophetin, ihre Feinde eine Hure, die den Tod verdient. Sie sieht sich als Revolutionärin, als «Hoffnung, damit nicht alle Muslime zu gehirngewaschenen Zombies werden».

Auch an diesem 1. April wird in Zürich an der Revolution gearbeitet. Es ist zehn Uhr. In einer umgebauten Garage rückt Stephan Hildebrand die Scheinwerfer zurecht und kontrolliert seine Kamera. Um 10.20 Uhr tritt Alyaa Gad ein, lange dunkle Locken und Worte der Entschuldigung: Sorry, I’m late, sorry. Sie musste ihre beiden Buben für die Schule bereitmachen, sich von ihrem Mann verabschieden und noch 15 Minuten ihren Puls in die Höhe treiben mit High-Intensity Interval Training. Jetzt sei sie topfit und gut drauf. Alyaa Gad spricht englisch, bittet aber darum, dass man deutsch mit ihr rede, damit sie die Sprache endlich besser lerne.

In einem kleinen Badezimmer pudert sich die 46Jährige das Gesicht, dann setzt sie sich an einen Schreibtisch. 10.55 Uhr: Alyaa Gad lackiert sich die Fingernägel, während sie Lippen und Kinn lockert: «rrrbrrr». Klappe. Um 10.56 Uhr beginnt sie über Schmerzen beim Sex zu sprechen.

In zwei Monaten wird die Episode über Vaginismus – angereichert mit animierten Darstellungen von Vagina und Penis – auf Youtube zu sehen sein, auf englisch und arabisch. In den Sprachen, die die arabische Welt versteht. An die richtet sich Afham.tv. Zwanzig Jahre lang bemühte sich Alyaa Gad um die Zusammenarbeit mit einem arabischen Sender, sie wurde von den Direktoren nur verspottet. Arabische Frauen und Mädchen aufzuklären: wie lächerlich, wie aussichtslos. Durch Youtube bekam Gad eine Möglichkeit, sich der Welt mitzuteilen. Anfangs machte sie die Aufnahmen selbst, bei ihr zu Hause im Wohnzimmer, sie waren wacklig, manchmal sah man mehr Tisch als Frau. Stephan Hildebrand begegnete ihr beim Einzug in ihre Wohnung, irgendwann sah sie seinen Lieferwagen, auf dem «Hildebrand Media» stand. Sie sprach ihn an. Er liess sich schnell überzeugen.

Seither ist auf Youtube eine adrette Ärztin in ihrer «Praxis» zu sehen, perfekt ausgeleuchtet. Alyaa Gad ist inzwischen ein Internetstar. Von Youtube wurde sie vor zwei Jahren mit einer Trophäe für 100 000 Abonnenten ausgezeichnet. Die meisten Klicks erhält Gad aus Saudiarabien, Ägypten, Marokko und dem Irak. Und obwohl sie sich mit ihren Aufklärungsfilmen hauptsächlich an Frauen und Mädchen richtet, sind 85 Prozent der User Männer.

Alyaa Gad erklärt gelassen, als spräche sie über eine leichte Sommergrippe, wie Scheidenkrämpfe entstehen und durch die richtige Atmung und viel Feingefühl des Partners gelöst werden können. Nach einer halben Stunde beendet sie die Sendung mit dem Rat: «Vergesst nicht, Sex ist etwas Schönes. All the best to you.» Alyaa Gad lächelt freundlich – Cut. «Die Saudis hassen mich für den Satz, Sex sei etwas Schönes», sagt sie. Was sie in ihren Clips erzählt und manchmal auch zeigt, dürfte es am liebsten nicht geben. An den arabischen Universitäten wüssten viele Studenten bis heute nicht, wie eine Schwangerschaft ablaufe, sagt sie. Und erst recht nicht, dass es Menschen gebe, die zwei Geschlechter in sich trügen.

Doch es seien nicht nur die erzkonservativen Saudis, die sie als Ungläubige beschimpften, als Verräterin, als eine, die für ihren Dreck mit ihrem Leben bezahlen werde. Traditionalisten gebe es in allen Ländern. «Sie pflegen die wortgetreue Auslegung des Korans, was dem Islam als Kultur schadet.» Anders als im Katholizismus kennt der Islam keine Institution zur Legitimation der religiösen Autorität. Muslime haben keinen Papst. Und obwohl nur Gelehrte die Auslegung der Schrift übernehmen dürften, «nehmen sich ihrer immer mehr Halbgebildete an», sagt Alyaa Gad. Konservatives Gedankengut breite sich so epidemisch im Bewusstsein der Menschen aus. Sie könne es nicht gutheissen, wenn Sex zwischen Liebenden eine Straftat sei, eine Vergewaltigung aber toleriert werde.

Alyaa Gad ist keine überhebliche Besserwisserin. Sie spricht sachlich über «die Heuchler und Lügner». Im Grunde hätten sie Angst vor Frauen, die sagen, was sie denken, die den Koran und seinen Inhalt kennen – was zwingend sei, um den Kritikern Paroli bieten zu können. Dass sie sich nicht einschüchtern lässt, bewies sie 2014 mit ihrem Hashtag: «Warum wir gegen das Scharia-Recht sind». Der Tweet, über den selbst der Nachrichtensender BBC berichtete, war ihre Antwort auf einen Onlinestalker, der sie zehn Jahre lang in Foren belästigte und schliesslich drohte: Gad sei eine Atheistin, die den Tod verdiene.

Schon Alyaa Gads Mutter hatte rebelliert. Die Tochter aus reichem Haus widersetzte sich ihrem Vater, der ihr den Geliebten verbot – er war ihm zu arm. Wie in jedem guten Märchen hielt Alyaas Mutter aber an ihrer grossen Liebe fest. Sie zog aus Ägypten nach Kuwait, um Geld zu verdienen und so ihrem Freund das Studium zu finanzieren.

Nach der Heirat kam Alyaa als erstes Kind zur Welt. Dass sie in Kuwait geboren wurde, bezeichnet sie «als Glück meines Lebens». Anders als in Ägypten war es in Kuwait unüblich, Mädchen genital zu verstümmeln. Alyaa Gad ist die erste Frau in ihrer Familie, die unbeschnitten blieb.

«Alyaa, hast du einen Penis?» fragte ihre Mutter sie eines Tages.

«Warum fragst du das?» antwortete die 13jährige Alyaa.

«Wer nicht beschnitten ist, bekommt doch einen Penis», sagte ihre Mutter. Da begriff Alyaa Gad, dass ihre Mutter, die vier Töchter zur Welt gebracht hatte, noch nie ein natürliches weibliches Geschlecht gesehen hatte. «Nein, ich habe keinen Penis», sagte Alyaa, «ich fühle mich sehr wohl in meinem Körper.»

Die Familie zog zurück nach Ägypten. Alyaa hätte gerne Modedesign studiert. Ihre Mutter aber, eine strenge und resolute Frau, sagte: «Schneiderin kannst du in der Freizeit werden, Ärztin nicht.» In den 1980ern Jahren waren in Kairo die meisten Studentinnen noch unverschleiert. Doch der Druck wuchs. Wer sich das Leben nicht unnötig erschweren wollte, beugte sich den religiösen Riten. Eines Morgens, erinnert sie sich, kam vor dem Hörsaal eine schwarz verhüllte Gestalt auf sie zu und begrüsste sie überschwenglich. «Wer bist du denn?» fragte Gad. Es war ihre Freundin, «eine wunderschöne Frau», die sie unter dem Schleier nicht erkannt hatte. «Ihr Freund wollte, dass sie den Schleier trägt.»

Alyaa Gad konnte sich nie für religiöse Männer begeistern. Die Zwirbelbärtchen fand sie furchtbar. Auch ihr Vater trug nie Bart. Sie wollte einen deutschen Mann, das war ihr bereits als Mädchen klar, seit sie die Deutschen im Fernseher an der Fussball-WM 1978 spielen gesehen hatte.

Praktizierende Ärztin wurde Alyaa Gad nicht, «nur Akademikerin», Lehrende. Nach dem Studium arbeitete sie bei einem Hilfswerk im bitterarmen Oberägypten, klärte Mütter und ihre Kinder über Gesundheit, ihren Körper und Hygiene auf. Bald wurde es ihr zu gefährlich, gegen die von Männern aufgestellten Regeln anzugehen. Noch dazu in einem aggressiven Klima. Sexuelle Übergriffe auf Frauen gehören in der arabischen Welt zum Alltag. Wobei die Männer die Frauen vor allem erniedrigen wollten. Und zwar aus dem Gefühl heraus, selber unterdrückt zu werden – «von der Regierung, vom Chef oder aus Frust über unerfüllten Sex». Ägypten, Saudiarabien, Pakistan, Marokko seien nicht nur die Länder mit den meisten sexuellen Übergriffen, sondern auch mit dem grössten Pornokonsum, sagt Gad.

Für die Aggressivität der Männer macht Gad die Armut, fehlende Bildung, aber auch die Religion mit ihren Forderungen verantwortlich: Frauen seien minderwertig, Sex vor der Ehe verboten, ebenso zu masturbieren. Da Sex nur der Vermehrung, nicht aber der Freude diene, sieht Gad auch in der männlichen Beschneidung ein Problem. Tausendfach habe sie gehört, dass der Sex arabischer Männer aggressiver sei, «auch, weil die Männer am empfindlichsten Teil des Glieds beschnitten wurden».

Alyaa Gad wanderte in die Niederlande aus, wo sie ihren Mann, einen deutschen Arzt, kennenlernte. Mit ihm zog sie 2009 in die Schweiz. Damals war das überraschende Ja zur SVP-Initiative gegen den Bau von Minaretten vielen weltoffenen Schweizern peinlich. Alyaa Gad hingegen dachte beim Anblick der Minarette auf den Abstimmungsplakaten, die die Türme wie Raketen erschienen liessen: «Wow, was für ein cooles Land.» Endlich ein Volk, dass sich wehre.

«Strenggläubige Muslime werden nie ein Teil der aufgeklärten westlichen Gesellschaft», sagt sie. Es fehle ihnen an Selbstkritik, es fehle an Eltern und Imamen, die für die Werte der offenen Gesellschaft einträten. Gad argumentiert mit den Worten der Rechtskonservativen, die für ihre politische Unkorrektheit gegeisselt werden. Aber Gad geht es nicht um eine ideologische Debatte. Es geht ihr um ihre Erfahrungen, um die Berichte ihrer Follower und Fans. Sie sorgt sich um die säkularen Werte.

Wer heute in Europa einwandert, trifft auf eine Welt, in der sich ein Drittel der Menschen vom Gottesglauben gelöst hat. Ein weiterer Drittel macht nur noch pro forma bei Religionsgemeinschaften mit. Die Säkularisierung ist in Europa und der Schweiz zur Normalität geworden. Derzeit leben in der Schweiz 450 000 Muslime. Der Grossteil kommt aus dem Balkan und der Türkei, einige aus Afrika oder den arabischen Ländern. Religiös unterscheiden sie sich nach sunnitischen, schiitischen und weiteren aus dem Islam hervorgegangenen Traditionen.

Die Mehrheit der Muslime macht sich aus dem Glauben so viel oder wenig wie jeder Durchschnittschrist. Ein kleiner Teil aber ist streng religiös. Für sie ist ein Leben ohne Glauben unvorstellbar, und dies geben sie auch ihren Kindern weiter. In ihrer Vorstellung gibt es nur den einen, «richtigen» Gott. Als ultrakonservativ gelten unter anderem die Salafisten, eine Bewegung, die auf die Frühzeit der Religion zurückgreift und einen «unverfälschten» Islam propagiert. Sie werfen Kritikern gern «Islamophobie» vor. Wer nicht für den Islam ist, ist gegen ihn.

Alyaa Gad hofft, dass sich die junge Generation vom Islam abwende, so wie sie das vor Jahrzehnten getan habe. Die Gemeinschaft, die sich für Änderungen in der islamischen Welt einsetze, sei zwar gross. Grösser jedoch sei der Einfluss der Saudis auf die hier lebenden Muslime, die Kulturzentren und Moscheen finanzieren. Wie viel Geld jährlich fliesst, weiss niemand genau. Bekannt ist, dass die islamische Weltliga vor vier Jahren 15 Millionen Franken in die Stiftung Centre islamique in Genf investierte. Das saudische Königshaus braucht den Salafismus als Instrument zur politischen Einflussnahme auf die Umma, die muslimische Weltgemeinschaft. Aber so stark der Gegner auch ist, Alyaa Gad ist überzeugt: «Die Revolution wird kommen, weil sie kommen muss.»

Es ist Mitte Juni, Alyaa Gads Beitrag über den Vaginismus ist auf Youtube erschienen. Innert vier Tagen wurde er 2500 Mal angeklickt. «Wooow, sexy video», schreibt einer, «good information thank you», ein anderer.

Alyaa Gad sitzt in einem kleinen Restaurant am Kreuzplatz; sie bestellt ein Sandwich mit grillierter Aubergine und Hummus und fotografiert – «sorry, das mache ich immer» – das kunstvoll angerichtete belegte Brot mit ihrem Handy. Das Bild geht online, das Sandwich reist aus Zürich um die Welt. Für manch einen mag es nur ein Food-Bild sein, für Alyaa Gad ist es Teil ihres Widerstand gegen religiöse Borniertheit und Unterdrückung; es soll Frauen motivieren, sich nicht einfach ihrem Schicksal hinzugeben, indem es sagt: Seht her, ich sitze im Kaffee, ohne Mann, der auf mich aufpasst, und unverschleiert, weil ich frei bin.

GUDRUN SACHSE ist NZZ-Folio-Redaktorin.